top of page
Schwarze Tafel mit Logo 10001fernsehen_edited_edited.jpg
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

#CaféFlorian vom 20.3.2023


Peter Weibel, Foto: Uli Deck, dpa

Wir haben uns in unserer Blackboard Conference und in unserer Cafe Florian dieses Mal mit dem Thema Kunststudium beschäftigt und sind dabei unter anderem auf den kürzlich verstorbenen Medientheoretiker und Künstler Peter Weibel eingegangen.

Beginnen wir also unsere Reise etwa in den späten Sechzigern und erinnern uns an das Filmfestival Viennale, das zu dieser Zeit von Aufbruch bestimmt war. In dieser überhaupt sehr spannenden Phase hatte sich das Medium Film als der verlängerte Arm einer radikalen bildenden Kunst dargestellt. Die aufgeladene Stimmung, die damals auch im Festivalkino der Urania herrschte, war Ausdruck einer Zeit, in der man eben auch unter Film eine Avantgarde verstand. Damals begegnete man schon Peter Weibel, der einen Nivea-Ball auf der Bühne balancierte und in einer anderen Inszenierung die damals junge Valie Export, die Super 8 Porno und Zeichentrickfilme auf den von der Leinwand herab monologisierenden Peter Weibel projizierte. Dieses sogenannte „Expanded Cinema“ war der Versuch, das Kino nicht nur als Ebene der Narration, sondern auch als performatives Element einer Film-KUNST zu definieren, also eine Art Gegenwelt zu den eineinhalb Stunden, die uns bis dahin Hollywood beschert hatte. Jedenfalls schien es, als würden bei dieser radikal neuen Filmsprache alle mitmachen. Wie viele dieser Zeit hatte auch der Wiener Filmkünstler Peter Kubelka mit seinen hochverdichteten Arbeiten ein eigenständige Kunstgattung definiert und Rudimente aus den „alten Künsten“ abgelehnt. Und Kubelka war es auch, der anlässlich einer Fernsehdiskussion die Verhältnisse der Filmkunst und des kommerziellen Films auf prägnante wie überraschende Weise neu ordnete. Denn Kubelka bezeichnete die engagierten Hollywoodproduktionen als kommerziell und versuchte zu verdeutlichen, dass sich die Förderung von Filmen ausschließlich an künstlerische! Kriterien zu orientieren hätte, was die lange Verleugnung international höchst anerkannter Vertreter dieser filmischen Kunstform wie eben Kubelka, Scheugl, Ernst Schmidt jr., Kurt Kren u.a. beenden würde. All das war und ist für Leute, die den Film, besonders in Österreich, nur als oscarwürdiges Kinoprodukt begreifen, eine völlig neue Sichtweise. Schliesslich war diese Art von Film auch die historische Basis für das, was man später Medienkunst nannte, und die mit dem sogenannten „Kinofilm“ oft nur die Nutzung von Kamera, Zelluloid u.a. gemeinsam hatten. (siehe Film als Film, Ernst Schmid jr. Dumont Verlag).



Dann - die Russen waren inzwischen in der damaligen Tschechoslowakei einmarschiert - kannte ganz Österreich nur ein Diskussionsthema: die sogenannten Uni-Ferkelei, jene Veranstaltung, die im Zuge einer im wahrste Sinn des Wortes flammenden Weibel-Aktion als „Kunst und Revolution“ alles in Österreich in panikartigen Schrecken versetzte. Man hatte in einem Hörsaal der Universität Wien die sogenannten guten Sitten zutiefst verletzt. Diese Kunst-Aktion, die eigentlich so etwas wie die Studentenbewegung Österreichs darstellte, empörte jedenfalls das „Nachkriegsösterreich“ und stellte die bisherige Kunstrezeption auf den Kopf. Mehr gab es nicht, weniger aber auch nicht. Diese Aktion beinhaltete also eigentlich alles, was Österreichs Klein- und Kleinstbürger nach dem Krieg noch gebraucht haben, um zu verstehen, dass „Kunst“ ihr Leben nachhaltig gefährden kann und das damit alles, was schon in den Jahren zuvor als Volksmeinung kursierte, sich bestätigen sollte: der oder die Künstler als sexuell entartete Revoluzzer, als alle Grenzen sprengende Anarchisten. Der Staat und seine „Staastzeitung“, die Kronen Zeitung, ja das ganze Volk schäumte, und sicherlich weit entfernt von dem, was heute entrüstet, rüttelte diese Veranstaltung damals an den kulturellen Grundfesten der Nation. Es gab nicht wenige der daran beteiligen Künstler, die dann das Land verlassen mussten oder es vorzogen, woanders zu leben.


Und dann freilich viel später, in den Achtzigern, unterrichteten sie teilweise wieder an den Hochschulen. Peter Weibel zum Beispiel an der Wiener Angewandten Medienkunst. Die Hochschule, damals noch ganz im Sinne des Meisterklassenprinzips, bemühte sich jedenfalls, außeruniversitärer Einflüsse in die Akademie zu bringen. Darunter Karl Lagerfeld, Vivienne Westwood, Bazon Brock, ja auch Joseph Beuys. Es war die Zeit der Medienkunst, die angeblich alle anderen Künste verdrängen sollte und es war der langsame Einzug der Computertechnik in die heiligen Hallen der Kunst. (siehe Zeittransgraphie HdK Gabor Body) . Peter Weibel war auch hier wieder unermüdlich dabei, die Bedingungen für Studierende zu verbessern, indem er sich u.a. dafür einsetzte, ihren Weg in das „große Videostudio“ zu ebnen.

Der Universalkünstler

Peter Weibel, der mehr und mehr zum Theoretiker wurde und des öfteren auch mal die Ausführung seiner Arbeiten seinen Studenten überliess, war sicher auch einer der ersten, der hartnäckig mitunter die Kunst selbst einer reflektorisch theoretischen Auseinandersetzung unterziehen wollte. Immer wieder stellte er das Künstlergenie in Frage, das sich ja direkt und indirekt immer auch auf den Hochschulen und in der Professorenriege zeigte. Und damit, wenn auch nicht nur, evozierte und inspirierte er jene Künstlerriege der Gegenwart, die es heute bevorzugen, in Teams zu agieren (Olafur Eliasson, Philippe Parreno u.a.) So sagte Peter Weibel in einem kürzlich wiederholten Interview, dass ihm von Seiten der Kunst seit seinen ersten Aktionen misstraut wurde, und er wohl deshalb auch umgekehrt der Kunst und der Kunstwelt misstrauen muss. Das kann sicherlich jeder, der nicht gerade nur einfach verstehbare Malerei produziert, durchaus unterschreiben.

Es gab eben in diesen Zeiten etwas, was es heute nicht mehr gibt, nicht mehr geben kann: „Die Avantgarde“, von der Peter Weibel meinte, „sie träume von einem gleichen Bewusstsein aller“ und in der man einfach dazu gehören konnte, denn ausserhalb davon waren all die Anderen.


Das Biotop einer Hochschule

Studieren, so könnte man in Abwandlung eines Spruches sagen, ist schön, aber macht viel Arbeit. Vielleicht weil man ahnt, dass man am Ende möglicherweise soviel weiß, wie vorher, nur das man ca. 4 Jahre in einem geschützten Biotop verbringt. Für viele aber ist es auch mit viel Kopfzerbrechen verbunden, welches Studium, wohl welche Art von Ausbildung den spezifischen Neigungen gerecht werden würden. Diese Idee einer staatlichen, kulturellen Ausbildungssituation erscheint einem am Anfang seiner Lebenslaufbahn natürlich attraktiv und als Voraussetzung für weiteres, dennoch aber entlässt einem dieses Erwachen aus dieser geschützten Atmosphäre doch in nichts weniger als in eine unsichere Welt. Während einem das System Studium intensive Einblicke in den Umstand gibt, dass junge, in einem künstlerischen Vorstadium befindliche Studierende, sich genau deshalb einer Bewertung entziehen, weil sie der Idee einer Kunst im geschützten Territorium folgen, einer Kunst, die mehr oder weniger dem Meisterklassenprinzip folgt, und sie dieses vermutlich auch später weiterführen werden. So kann es nicht unerwähnt bleiben, dass es im statistischen Mittel auch maximal 3-4 der Studierenden einer Klasse sind, die sich nachhaltig in der Kunstwelt etablieren können. Man könnte meinen, vielleicht wäre das ideale Kunststudium im eigentlichen Sinne gar kein Kunststudium, sondern eine geisteswissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzung, die auch Elemente der Esoterik, der Materialkonfrontation, im Sinne der „Sozialen Plastik“ miteinschließt, die sich an einem „Selbst“ orientiert, und die noch mehr die künstlerischen Theorien und Überlegungen einbeziehen, als das gegenwärtig geschieht. So ein Kunststudium ist natürlich fern jeder Realität, aber es wäre eines, das heute zeitgemäßer wäre und uns alle noch einmal gerne studieren lassen würde. So ist wohl die beste Ausbildung eine, in der man selber lebt und die zu einem lebenslangen Lernen beiträgt und dazugehört. Auch in dieser Hinsicht war Peter Weibel neben seinen verschiedenen künstlerischen Aktivitäten ein Markenzeichen für seinen theoretischen Ansatz. So ist in einem der letzten Bilder Peter Weibel er selbst am Schreibtisch zu sehen, inmitten einer riesigen Bücherlandschaft, in der er gewissermaßen untergegangen und verschwunden ist.


Heute sind alle möglichen Ausbildungen in der internationalen Kunstwelt anzutreffen ohne eindeutige Präferenz für den klassischen Studienablauf innerhalb der Kunstuni. Der mehrfache Documenta-Teilnehmer Carsten Höller als Biologe oder der bis zu seinem 50er praktizierende Arzt Wolfgang Laib werden da u.a. gelegentlich zitiert. Diese Beispiele ließen sich ins Endlose fortsetzen Der Bezug zur klassischen Kunstausbildung ist natürlich mehr von Bedeutung, wenn man beispielsweise Malerei oder Bildhauerei studiert, wo diese Ausbildungsschritte vielleicht noch mehr zählen. Inzwischen aber ist der nachfolgende Entwicklungsschritt in die Kunstwelt von vielen neuen Möglichkeiten begleitet. Es gibt unzählige Teams und Kooperationen, die sich den Kunststudenten nach ihrem Studium anbieten.

So geht auch unsere künstlerische Konstruktion davon aus, dass man am meisten Erfahrungen macht, wenn man randständige, wissenschaftliche und kreative Überlegungen und Praktiken verbindet. Welches Kunststudium auch immer in den Himmel der Selbstbeschäftigung und Selbstdefinition führt, muss man schliesslich selbst herausfinden. Egal ob an einer Kunstakademie oder vielleicht ausserhalb bei unserem fern.sehen 10001.



 

Die große Evolution, Biografie, Independent 1h 24min D 2016, zu sehen auf Sooner


Zum Film "Die große Evolution" über Fritz Schranz und unsere Verbindung zu ihm


Fritz Schranz und sein Kloster für moderne Kunst und Philosophie in Peterskirchen in Bayern haben wir durch unsere damaligen Hamburger Freunde Anatol und Pascal etwa 1987 oder 1988 kennengelernt und dort das eine oder andere Seminar verbracht. Fritz und seine Frau haben uns sehr freundlich empfangen und wir haben dort mit ihnen immer wieder mal schöne Stunden verbracht. Dann haben wir in den Jahren 1991 und 1992 an einem seiner existential-ontologische Seminare teilgenommen. Ende der 1980er und Beginn der 1990er standen wir also in einem ziemlich intensiven Kontakt mit ihm.


Fritz Schranz war irgendwie ganz weit weg, aber dann doch wieder sehr nahe, in einem Paralleluniversum, wie er sagen würde. Er beschäftigte sich mit der Philosophie und mit ihren wirklichen Grundfragen und nicht mit Betrachtungen zu den banalen Wirklichkeiten von Arbeit und Gemüse, wie manche Semi-Philosophen von heute. Seine Frau Gottiebe (Gräfin von Lehndorff) war und blieb immer sozusagen bis zum Schluss Gräfin. Wir haben einmal ein sehr schönes Ostern dort verbracht. Da war alles versammelt, was noch in den 1980ern dort übergeblieben war. Ich glaub auch Veruschka von Lehndorff, die Tochter von Gottliebe, dann ihr Mann Holger Trültsch, sowie ihr Sohn namens Verus, lateinisch für Wahrheit, der, wie kann es anders sein – in England studiert hat – vermutlich Oxford oder Cambridge. Wer außer unseren Aristos nennt denn das Kind Verus.


Alphabet


Sein aus den 70er Jahren stammendes Alphabet wird zu einem zwar ein wenig angestaubten aber doch mit großer Originalität gezeichneten Instrumentarium seiner Philosophie und führt uns durch die filmische Biographie „Die grosse Evolution.“

Fritz Schranz, ein ehemaliger Mathematikprofessor, der in den 68er Jahren in München zunächst über die Psychotherapie in die Philosophie eingestiegen ist und seinen angestammten Beruf als Lehrer aufgegeben hat, hat dann irgendwann seine Frau Gottliebe, ihres Zeichens verwitwete Gräfin aus dem Geschlecht von Lehndorf, kennengelernt. Ihr Mann, Graf von Lehndorff, wurde zusammen mit Stauffenberg als Hitlerattentäter im Dritten Reich hingerichtet. Ihre Tochter Veruschka war in den 60er 70er vielleicht das berühmteste Fotomodell und befand sich auf den Titelblättern von Vogue etc. und hat sich dann auch als Muse von Lagerfeld und Joop später einen Namen gemacht. Ihre Body-Art-Bilder sind damals in den Medien kursiert. (Twen). Besagte Gottliebe von Lehndorff finanzierte jedenfalls Ende der 60er, Anfang der 70er den Umbau des zuvor von ihnen erworbenen Pfarrhofs und damit auch seinen Lebenstraum vom Leben in einer Künstlerkommune, eben in einem „Kloster für moderne Kunst und Philosophie“.


Existential-ontologische Aktionen


Es war die Zeit der Langhaarigen, es war die Zeit der Hippies, es war die Zeit der Sit-Ins und der unendlichen Diskussionen. Man kann sich jene im Film zitierten existential-ontologischen Aktionen und Seminare, die im Pfarrhof aber vor allem auch sehr viel auswärtigen Orten stattfanden, gut vorstellen. Dort und damals wurde über Heidegger, Schopenhauer und Kant philosophiert, also die ganze deutsche Philosophie, über Hölderlin, Rilke usw., und man unternahm damals üblich „Ausflüge" in die bildende Kunst und ins Theater. Die Orte, die sie dabei für ihre Aktionen aufsuchten, waren durchwegs magische, ob nun Kreta, Spanien, Andalusien oder eben auch Volterra in Italien. Durch sie haben wir von diesem aufgelassene Irrenhaus erfahren, an dem wir später ein eigenes großes Projekt verwirklichten. Diese Reisen zu den magischen Orten wurden von den Teilnehmern finanziert. Und es gab natürlich keine Zuschauer, sondern ganz typisch - wie auch für uns als "Bibliothekare" - war das Publikum die Teilnehmer: the audience are the participants. Für ihre Performances arbeiteten sie mit Fahnen, Stoffen und einfachen Naturgegenständen.


Kommune


In jenen Zeiten hatte das Leben in ihrem „Kloster für moderne Kunst und Philosophie“ durchaus auch die Anmutung einer Kommune. Viele Künstler fanden damals ihren Weg nach Peterskirchen, u.a. der Filmemacher Werner Herzog, etc. Am längsten hielt sich dort die Schauspielerin Hanna Schygulla auf, und auch Hermann Nitsch sollte vorbeischauen, was dort eigentlich los war. Es tat sich da was in Oberbayern und das zog auch entsprechend Leute an. Letzten Endes wollte aber jeder wohl so sein eigenes Schloss als Wirkungsstätte, also blieb man dort dann schließlich eben unter sich. Und für den kleinen Ort Peterskirchen war es ja auch keine wirkliche Bereicherung, wie man sich in den 70er Jahren vorstellen kann. 


Fritz war für uns und für seinen Besucher ein brillanter Denker, der viele neue und interessante Ansätze einbrachte, wenngleich der französische Poststrukturalismus an ihm völlig vorbeizog Seine philosophischen künstlerischen Aktionen waren von einer bestimmten Ästhetik geprägt, die einerseits in der Kombination, so wie sie aufgetaucht sind, sicher stimmig und richtig waren, aber Fritz Schranz war ja von seiner Geschichte her kein Künstler und verwendete daher Material aus Küche und Garten, was manchmal in eine gewisse Peinlichkeit ausgeartet ist. Nun war in den frühen 70er Jahren im Grunde alles erlaubt, auch als ästhetische Auflösung, wie es hier der Fall war. Und schließlich ging es ja eigentlich nicht um das Material, sondern um die Übersetzung von philosophischen künstlerischen Gedanken in Aktionen. Er nutzte dafür bis zuletzt immer traditionelle, analoge Materialien und in Wirklichkeit ausrangierte Geräte. Aber immer war er voller Tatendrang und hatte stets neue Projekte und Aktionen im Kopf, was eine ganz eigene und ansteckende Aktivität entfaltete. 


Individuelle Mythologien


Auch wir haben an Aktionen teilgenommen, den philosophischen Diskurs gepflegt und Texte oder Gedichte nach dem Abendessen rezitiert. Wir haben dort schöne konzentrierte, fast meditative gemeinsame Malaktionen erlebt und aus Holzbrettern und Materialien aus dem Garten einen "Königsthron" gebaut, was einem nebenbei auch gezeigt hat, mit wie wenig Material man in der Kunst auskommen kann. Freilich stand alles im Dienst einer „philosophischen Interaktion“ im künstlerisch kulturellen Kontext. Es war also nicht Kunst allein, wie das in unserem Fall der Fall ist. Dennoch war Fritz in den 80er Jahren fast zu einer Documenta nach Kassel eingeladen worden, wenn nicht irgendetwas dazwischengekommen wäre. Denn sowohl bei ihm als auch mit einem nötigen Respektabstand bei uns geht es um individuelle Mythologien. Der historische Verdienst des Kunsthistorikers und Ausstellungsmachers Harald Seemann war, dass er eben diese individuellen Mythologien herausgearbeitet und diesen Aspekt überhaupt in die Kunst(-Geschichte) eingebracht hat. Sowohl der Aspekt des Gesamtkunstwerks als auch die soziale Plastik als Erweiterung des Gedanken von Beuys, hat den Künstlerbegriff mit verschrobenen manchmal sogar Geisteskranken in eine Verbindung gebracht und Kunst als individuelle Ausprägung verstanden, die sich nicht zwingend auf die klassischen Ebenen und Formate des Kunstmarktes beziehen muss.


Paralleluniversum


Diese als Außenseiter in der Kunst verstandenen Künstler waren und sind immer Leute, die sich nicht der Öffentlichkeit verschrieben haben. Teils, weil sie es nicht konnten und teils, weil sie es nicht wollten. Auch wir sind gewissermaßen in dieser Riege mit aufgenommen es ist unsere Heimat, wenn auch mit ganz anderen Ausrichtungen und Konzepten, die wir in unserem Fall besonders auf die heutige Zeit angepasst haben.Diese Kunst, sofern es denn überhaupt eine ist, ist dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung und in der öffentlichen Meinung generell unterrepräsentiert. Denn weder besucht die Gesellschaft diese Künstler noch suchen umgekehrt die Künstler diese Gesellschaft. Sie leben im Großen und Ganzen so wie Fritz Schranz in einem Paralleluniversum, in individuellen Konstruktionen. Mit allen Konsequenzen. Ihre Entdecker haben es geschafft, alle diese merkwürdigen Leute kurzzeitig vor den Vorhang zu zerren, um sie nicht gänzlich der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, aber ein nachhaltiger öffentlicher Wirkungsmechanismus ist ihnen nicht zuteilgeworden und das ist auch gut so.  


DIE BIBLIOTHEKARE




 
  • 1. März 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

#CaféFlorian vom 12.2.2023


Grundriss Volterra 10001 @10001arts

Das „künstlerische System“ ist eine im Zuge der letzten Besprechungen aufgetauchte begriffliche Konstruktion, die eigentlich im allgemeinen künstlerischen Kontext kaum existiert. Die landläufige Meinung ist dabei, dass System und künstlerische Individuationsich im Grunde widersprechen. So gibt es politische Systeme, Spielsysteme und sogar Systemgastronomie, aber „Kunst und System“ werden in der Regel nicht zusammengedacht. „System“ wird wohl als etwas Übergeordnetes, etwas dem Individuum Fremdes, als kafkaeske Erzählung verstanden, als Symbole des „Unpersönlichen“, denen der analoge Mensch ängstlich gegenübersteht.


SYSTEME - MÄNNERSYSTEME

Es sind besonders und schon immer die vielen vor allem männlichen „theatralen Theoretiker“ und „Welt-Bildermaler“, die da herumlaufen und sich alle nach einem System, einer „Religion der Ordnung“ sehnen - diese „alten weißen Männer“, die sich nach wie vor eifrig an ihren biologistischen Determinanten des Weiblichen abarbeiten. So scheint es die Domäne des Männlichen zu sein, sich um die Welt Gedanken zu machen, und es sind schon immer „Männerphantasien“ (siehe Klaus Theweleit), die sich „Panzer alleine dafür zugelegt haben, um sich so vor der begehrenden Frau zu schützen“ und den Körper als eine Art Souverän betrachten, der von nichts und niemand „betreten“ werden darf.

In der Kunstwelt war es der Kunsthistoriker Harald Szeemann, der durch seine Ausstellungen (Documenta) die eigensinnigen weltabgewandten Schöpfer diverser Weltbilder zeigte. Auch sein wohl stilbildender Begriff „Gesamtkunst“ vermittelte, wenn auch durchaus kontroversiell, so etwas wie „künstlerische Systeme“, innerhalb derer er unterschiedliche Positionen wie die des Architekten Bruno Taut oder des italienischen Mussolini Fan Gabriele da Nunzio versammelte.


Nannettis Mural @10001arts


Es hätte aber auch der schizophrene Patient Fernando Oreste Nannetti sein können, dessen in die Mauer einer psychiatrischen Klinik gravierten Weltbeschreibungen einem höchst eigenen „System“ folgten. Und dem wir, 10001, wiederum folgten, als wir dieses im Inneren der Klinik auf 2000 Quadratmeter Raumgröße nachempfunden haben. Wir schufen ein System auf der Grundlage eines Systems, das von einem „verwirrten Patienten“ seinen Ausgang genommen hatte. Aber auch diese merkwürdige und seltsame Kunst ist Bestandteil des machtlosen „Systems Kunst“, so wie jenes blumenumrankte Kriegsschiff, das der fragwürdige Mussolini Fan und Dichter Gabriele D`Annunzio im riesigen Garten seines Anwesens platzierte. Denn letztlich wollen und können all diese Systeme in ihrer absurden Machtlosigkeit keine Erkenntnisse zu den Problemen der Welt bereitstellen.

Und so verweigern sich diese im übrigen meist fragmentarischen Systeme in ihrer merkwürdigen Weltabgewandtheit grundsätzlich dem Schritt nach außen, indem sie sich permanent um die eigene Achse drehen und ihre Bedingtheiten nur innerhalb des Systems erleben. Auf diese Weise erklärt sich Kunst, unabhängig von Erfolg oder Anerkennung zum eigenen Leben.


SYSTEM ART BRUT

Der „Kunstgegenstand“ ist für den Künstler essentiell. Üblicherweise „erleidet“ er sein Werk“, „malträtiert“ das Objekt, welches dann in der Umlaufbahn der Kunst weiterlebt.

Auch wenn er zurückblickt und sein Werk nicht weiter festhalten kann, der genealogische Charakter von Kunst ist, auf die Welt zu kommen und sich dinglich fortzupflanzen. Dabei scheint es Realität oder Notwendigkeit, das einzelne Kunstwerk in seiner Wirkung freien Lauf zu lassen. So wie es immer war. Eigentlich alternativlos.

Während also der Künstler mit seinem Werk möglichst große Verbreitung erlangen möchte, für Geld, Haus, Auto, Familie etc., lebt der Art Brut Künstler in einer möglicherweise sich selbst genügenden entfernten Welt. Es sind dies die Antipoden einer Kunstauffassung, die sich einerseits am Erfolg oder andererseits mehr und intensiver um die innere Konstruktion eines Systems bemühen.

Systeme aber, die die Kunst von innen her umklammern, oder wo die Bestandteile des Kunstschaffens miteinander interagieren und damit ein Konstrukt oder System herausbilden, wirken sich maßgeblich auf die Beschleunigung und Geschwindigkeit aus. Sie müssen darauf Rücksicht nehmen, dass jeder einzelne Bestandteil dieser „merkwürdigen Kolonne“ sich auf einen anderen bezieht und seine eigene Gesetzmäßigkeit erfordert. Auch und erst recht im Fall eines künstlerischen Systems, das sich beispielsweise der Absicht verschrieben hat, „mediale Kunst zu senden“.

Diese Anordnungen sind für die Strategien des Kunstmarkts nicht in dem Maße erfassbar, weil Systeme so miteinander zusammenhängen, dass man gewissermaßen das Ganze, das „Schiff“ kaufen müsste. So verstand mit Sicherheit auch D´Annunzio am Ende, dass er damit etwas geschaffen hat, was für seinen Garten und seinen Palast imposant war, sich aber schließlich nicht von der Stelle bewegen ließ. Nun hatte es der reiche Adelige D´Annunzio nicht notwendig, Kunst überhaupt zu verkaufen, so wie es ja auch die „von Geburt an reichen Erben“ nie notwendig hatten, Erfolg in der Kunst anzustreben (was in den 80ern dazu führte, dass man teils von einer Kunst „der Kinder reicher Eltern“ sprach). Kunst und ein künstlerisches System, auch das von 10001, welches das immersiv Innere in den Mittelpunkt rückt, ist sicher dann am besten, wenn es sich vom ökonomischen Erfolgsdruck weitgehend unabhängig entfalten kann, ob man nun aus einer reichen Familie stammt oder in einer psychiatrischen Klinik lebt.


ARRIVA 10001 @10001arts

10001fern.sehen ist ein künstlerisches System der Machtlosigkeit, das - nicht von dieser Erde - sich gegenüber einer vereinnahmenden Repräsentation der Wirklichkeit verwahrt und nichts an den elementaren Grundfesten und Zusammenhänge der Welt ändern möchte.

So ist diese Idee von 10001 wie eine versehentliche Ankunft in einem verlassenen oder unentdeckten Haus, in dem schon alles alles überwuchert...


ex Lehmann Papiere 2023


Soweit personenbezogene Bezeichnungen nur in männlicher Form angeführt sind, beziehen sie sich auf Männer und Frauen in gleicher Weise.

 
bottom of page